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Josef Wiener-Braunsberg (1866–1928): Schriftsteller, Redakteur und Kritiker

Kurzbiographie - von Bettina Müller -

 

Josef Wiener-Braunsberg war der Künstlername von Josef Wiener, der 1866 im ermländischen Braunsberg als Sohn

des jüdischen Kinderarztes Dr. Wilhelm Wiener und seiner Ehefrau Doris geb. Müller geboren wurde. Er verließ

vorzeitig das Braunsberger Gymnasium und machte eine Buchhändlerlehre in Königsberg, arbeitete aber nur wenige

Jahre in diesem Beruf. Zu dieser Zeit schrieb er schon erste humoristische Beiträge für Satirezeitschriften (z.B. die

Lustigen Blätter). Es folgten kurze Stipp­visiten als Redakteur bei Tageszeitungen in Halle und Bochum, bevor er sich

zum ersten Mal in Dresden, wo er vier Jahre wohnte, als Schriftsteller bezeichnete. 1899 ließ er sich dann dauerhaft

in Berlin nieder, wo sein Vater, inzwischen Sanitätsrat, eine Kinderarztpraxis in der Maaßenstr. 15/16

in Schöneberg unterhielt. Sein zweites Werk, "Alma's Ende", erschienen 1892, ist eine Fortführung von Hermann

Sudermanns "Die Ehre". 1910 wurde er Chefredakteur der Berliner Zeitschrift "Beim Lampenschimmer", einer

konservativen Zeitschrift "Für die ganze Familie". In den 1920er Jahren schrieb er die damals erfolgreichen Berlin-

Romane "Waren­hausmädchen" (das Buch wurde unter dem Titel "Die Kleine aus der Konfektion" mit den damaligen

Stummfilmstars Eva Evi und Reinhold Schünzel verfilmt), und "Die Venus von der Tauentzien". Beide Bücher wurden

1935 auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt. Ab 1917 hatte er die Mitarbeit beim

ULK (Abkürzung für Unsinn, Leichtsinn, Kneipsinn) begonnen, einer wöchentlichen satirischen Beilage des Berliner

Tageblatts im Verlag von Rudolf Mosse. Eine Zeitlang waren Kurt Tucholsky und er Kollegen in der Redaktion, bis sie

Tucholsky 1920 verließ und Wiener-Braunsberg die Chefredaktion übernahm, sich das Pseudonym "Der Sanfte

Heinrich" zulegte und im Folgenden fünf Jahre lang jede Woche u.a. ein Leitgedicht auf S. 2 schrieb, das zumeist die

aktuellen politischen Geschehnisse mehr oder weniger versteckt kommentierte, aber gelegentlich auch

humoristische Texte mit einbrachte, gerne auch mal über die Schrullen und Eigenheiten der Berliner. 1928 starb er

in Berlin an den Folgen eines Hirnschlags. Von 1916 bis zu seinem Tod wohnte er in Schöneberg in der

Berchtesgadener Str. 34. Er ließ sich - kontrastierend zu seiner jüdischen Herkunft - im

Krematorium Wilmersdorf einäschern. Das Grab seiner Eltern existiert noch auf dem jüdischen Friedhof Weißensee.

Wahrscheinlich war es 1895 zum Zerwürfnis zwischen ihm und seinem Vater gekommen sein, da er in diesem Jahr

eine katholische Frau, Pauline Alder aus der Kreisstadt Lüben, geheiratet hatte. Der Vater war vor seinem Umzug

nach Berlin in der jüdischen Gemeinde Braunsberg sehr aktiv gewesen. Die Suche nach der Herkunft der Familie

Wiener führte von Braunsberg über Schlesien (Löwenberg) nach Lissa/Posen. Ein endgültiger Beweis für Lissa als

Herkunftsort steht derzeit noch aus.


Josef Wiener-Braunsberg starb am 8.6.1928 in Berlin-Schöneberg. Er hinterließ eine Ehefrau (Wanda Wiener-

Braunsberg, verw. Küch, geb. Hildebrandt, eine  Tochter des Schriftstellers und Redakteurs Martin Hildebrandt, u.a.

Redakteur der Berliner Zeitschrift "Recht der Feder") und zwei Stiefkinder sowie ein umfangreiches literarisches

Werk, das einer Neubewertung und Neuauflage harrt. 

 

Abbildung links: Josef Wiener als junger Mann in Braunsberg, daneben als Schriftsteller und Redakteur Josef

Wiener-Braunsberg in Berlin, 1921

 

                

          Abb. mit freundlicher Genehmigung von Roberto Wiener, Chile                Abb. entnommen dem Buch "Schnurriges und Knurriges", 1922 

 

Bibliographie (Auswahl)

 

• Trude Schneider. Roman aus dem Berliner Leben. Leipzig, 1891.

 

• Alma’s Ende. Roman, Fortsetzung von Sudermanns Schauspiel „Die Ehre“, 1892. 4. Aufl. 1902. 12. Auflage 1911.

  Digitalisat

 

• Mein Vater ist ein kleines Mannchen. Ostpreußische und andere Vortragsgedichte (Eduard Blochs

  Original Deklamatorium Nr. 51). Berlin, 1904. Inhaltsverzeichnis

 

 • Nach den Gewittern. Ein Eheroman (Bibliothek zeitgenössischer Erzähler, 31, Weichert-Verlag). Berlin, 1905. Wird

  derzeit von der Deutschen Nationalbibliothek digitalisiert

 

 • Die letzte Instanz. Eine Kriminal- und Liebesgeschichte aus den Tiroler Bergen. (Kürschners Bücherschatz, eine

  Sammlung illustrierter Romane und Novellen, 587). Berlin, 1907.

 

• Die Erziehung zur Bestie. Die Geschichte eines zerstörten Lebens. Berlin, 1909. Digitalisat

 

• Schnurriges und Knurriges. Lustige Vortragsstücke in Vers und Prosa (Amboß-Vortragsbücher Nr. 2). Stendal,

  1922. Inhaltsverzeichnis

 

• Warenhausmädchen: Roman aus d. Berlin d. Gegenwart, Berlin, 1922.

 

• Die Venus von der Tauentzien: Sittenbild aus dem Berlin von heute. Berlin, 1923.

 

• Die Brett’l-Gräfin. Berlin, 1924.

 

• Mensch, det jiebt es doch bloß in Berlin und andere Vortragsstücke in Vers und Prosa (Amboß-Vortragsbücher Nr.

  3). Leipzig, 1924.

 

• Mensch, ärgere Dich nicht! Und andere Vortragsstücke in Vers und Prosa (Amboß-Vortragsbücher Nr. 4). Leipzig,

  1924.

 

Unter dem Pseudonym "Heinrich K. Werdenfels":

 

•  Unsere Feldgrauen im Feindesland. Kriegserzählungen für die Jugend. Berlin, 1915. Digitalisat

 

 


Blogbeitrag zum Thema Josef Wiener-Braunsberg im ULK

 

Literaturhinweis:

Müller, Bettina: Ein vergessener Autor der Weimarer Republik. Zum 150. Geburtstag von Josef Wiener-Braunsberg

(1866-1928), in: Mitteilungsblatt der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V., 118 Jg.

(2017) H 1, S. 3-29

 

 

 

Textauszüge:

 

Der alldeutsche Vater an seinen Sohn (ULK Nr. 19, 1920)

 

Hans-Dietrich, teurer Sohn, tritt her,

laß dich von mir beraten,

wie unsereins sich im Verkehr

benimmt mit Demokraten:

 

Zumeist führt Kunst und Wissenschaft

solch Frosch in seinem Munde,

wir aber wissen: deutsche Kraft

ist das Gebot der Stunde!

 

Sagt „Schiller, Goethe“ solch ein Lurch

mit ungestärktem Kragen,

so sage du bloß: „Hindenburch!“,

dann ist er schon geschlagen!

 

Gerätst du in ein Wortgefecht,

so brüll bis zum Exzesse!

Behält dein Gegner trotzdem recht,

so hau ihm in die Fresse!

 

Sucht er mit Gründen mancherlei

geschickt dich einzukreisen,

dann diene du ihm frisch, fromm, frei

mit schlagenden Beweisen!

 

Benimm dich als ein wahrer Held,

macht solcher Art er Späne:

Das beste Argument der Welt

sind eingeschlagene Zähne!

 

Jedennoch sollt er stärker sein,

so dinge einen Rüpel,

daß der ihm tritt die Rippen ein,

ihn haut mit einem Knüppel!

 

Das ist der Geist, von uns geschätzt,

der gegen uns geschürt hat,

und welcher uns zu guter Letzt

bis nach Versailles geführt hat!

 

***

 

 

Der Korrekte (ULK Nr. 19, 1920)

 

 Ich gehe geschniegelt einher und patent

und bin deutschvölkisch und dazu Student,

das heißt, nicht das, was man einst so genannt,

kein Brausekopf in Stürmer und Band,

der jugendlich schwärmte und hochgestimmt

von Freiheit und Duldung und ähnlichem Zimmt.

Ich halte mich frei von jedem Affekt:

            Ich bin korrekt, bin enorm korrekt!

Der Freiheit – hm ja! – sei ihr Recht gewahrt,

sofern sie verbunden mit Lebensart,

ich dulde auch jeden, der zu uns gehört,

soweit er mir meiner Karrière nicht stört.

Nur lehne ich ab mit Entschiedenheit

Jedwede plumpe Vertraulichkeit,

sofern sich ein Revoluzzer erkeckt.

            Ich bin korrekt, bin enorm korrekt!

 

Die Zeiten sind trübe, Gott sei es geklagt,

indem man heut nur noch nach Tüchtigkeit fragt.

Zum Beispiel der Ebert. Da packt mich ein Weh:

Der Kerl – ist es glaublich? – war niemals Korpsler!

Zwar habe ich auch nicht mehr viel gelernt,

seitdem man mich aus der Presse entfernt,

doch bin ich von Herkunft, was vieles verdeckt.

            Ich bin korrekt, bin enorm korrekt!

Ich bin von Herkunft und rasserein,

nicht so ein vermanschtes Rasseschwein.

Bewund’re mit Ehrfurcht, fremdstämmiger Wicht,

mein arisches Wesen, mein arisch Gesicht! –

Mein Urahn schon lag wohlgebaut

tagsüber am Rhein auf der Bärenhaut

und soff den Met, wie ich saufe den Sekt:

             auch er war korrekt, war enorm korrekt!


*** 

 

Der Ge-Fahrschein (ULK, Nr. 31, 1918)

 

Nach Einführung der neuesten Strafverordnung:

 

Fahrgast (im Innern des Wagens, in drangvoll fürchterlicher Enge): Schaff­nerin, ich bitte um einen Fahrschein!

 

Die Schaffnerin (am anderen Ende des Mittelganges): Schrei’n Se nich so! Ick bin doch nerviös! Ick bin

kriegsnerviös, vastehn Se? Immer mit die Ruhe! Eener nach dem andern! Eh’ wa in in Pankow sind, kommen Se

schonst noch ran 

 

Fahrgast: Ich will aber gar nicht nach Pankow, ich will…

 

Die Schaffnerin: Dann wer’n Se eben nach Pankow wollen! Wenn se keene Zeit haben, zu warten, bis ick mir zu

Ihnen durchjearbeet habe, loofen Se zu Fuß!

 

Fahrgast: Ich bin aber schon vor einer Viertelstunde eingestiegen!

 

Die Schaffnerin: Was sind Se? Injestiejen sind Se? Männeken, sagen Se det nich so laut! Et kennte een Kriminal im

Wagen sind! Und wenn der heert, det Se injestiejen sind…

 

Fahrgast: Aber so nehmen Sie doch Vernunft an!

 

Die Schaffnerin: Ick – Vanunft? Ick nehme iebahaupt nischt von Ihnen an, außer een Trinkjeld!

 

Fahrgast: In diesem Falle …

 

Die Schaffnerin: Wat reden Se da von Falle? Herr, nehmen Se sich in acht, det Se mir nich beleidijen!

 

Fahrgast: Ich möchte aussteigen! Bitte, ziehen Sie die Leine!

 

Die Schaffnerin: Männeken, bei Ihnen piept et woll? Weil Sie Leine zieh’n woll’n, soll ick de Leine zieh’n?

 

In diesem Augenblick besteigt ein Kontrolleur den Wagen. Da der Fahrgast ohne Fahr­schein angetroffen wird, wird

er arretiert, vor den Richter geschleppt, zu einer Mark Geld­strafe, zehn Jahren Zuchthaus und lebenslänglichem

Ehrverlust verurteilt, welche Strafe in eine Rundfahrt um Berlin in einem der ausgedientesten Wagen der

Straßenbahn zu­sammen­gezogen wird.

 

 

***

 

Lu Lütiti - Das okkulte Phänomen (ULK Nr. 40, 1919)

 

Lu Lütiti (mittelgroß, schlank, blaß und dunkeläugig, verneigt sich elegant und hält mit leicht fremdländischem Akzent

folgende Ansprache an das Publikum): „Meine verehrten Damen und Herren“ Ich habe die Ehre, mich Ihnen als das

größte okkulte Phänomen aller Zeiten vorzustellen. Ich blicke in die Vergangenheit und in die Zukunft! Ich sehe

Dinge, die vorhanden und die nicht vorhanden sind! Erst vor wenigen Tagen hatte ich die Ehre, vor den leitenden

Herren unsrer Regierung meine Kunst zu zeigen. Sie versagte nicht, selbst dort vermochte ich Gedanken zu lesen!“

 

Maurerpolier Kruseweck (Stehplatz für 2 Mark, zu seinem Nachbar Pinnecke): „Der Mann importiert mir. Wie hat er

det woll fertich jebracht, wo et doch sonst heeßt: ‚Wo nischt is, hat der Pirsident sein Recht valorn’!“

 

Lu Lütiti: „Ich werde Ihnen zunächst einige Experimente aus dem Gebiete der Hypnose vorführen. Ich bitte einen

Herrn aus dem Publikum, sich zu mir heraufzubemühn!“

 

Kruseweck: „Wat for ‚ne Nose?“

 

Pinnecke: „Hyp - - Hyp!“

 

Kruseweck: „Hurra!“

 

Ein junger Mann (ist auf das Podium gestiegen und hat auf einem Stuhl Platz genommen).

 

Lu Lütiti: Ich werde diesem Herrn jetzt eine Probe Kunsthonig zu kosten geben und ihm suggerieren, daß es

Schmierseife sei!“ (Tut es. Der junge Mann verzieht das Gesicht und bestätigt, daß er Schmierseife äße.)

 

Kruseweck: „Det is keen Wunder. Een Wunder wärt, wenn et nich nach Schmierseefe schmecken dähte!“

 

Stimmen aus dem Publikum: „Pst! Ruhe! Stille da hinten!“

 

Kruseweck: „Watn? Watn? Als wie icke? Is man jut, det det geöhrte Publikum nich meine Jedanken lesen kann – von

wejen Honig und Schmierseefe und sonstije Leckereien - -!“

 

(Das Experiment ist beendet und der junge Mann auf seinen Platz zurückgekehrt. Man applaudiert. Lu Lütiti läßt

nunmehr eine Stecknadel im Publikum verstecken, die er in bekannter Weise mit verbundenen Augen sucht und

nach einigem Hin und Her auch findet.)

 

Kruseweck (zuckt geringschätzig die Achseln): „Wat is det nu wieder forn Quatsch! Um sone lumpichte Stecknadel!

Soll er mir lieber sagen, wo meine Olle de Kümmelpulle vastochen hat, die ick nu schonst drei Dage suche und nich

finden kann!“

 

Lu Lütiti (wieder auf dem Podium): „Ich bitte das geehrte Publikum, Fragen an mich zu stellen, die ich kraft der mir

verliehenen hellseherischen Gabe beantworten werde!“

 

Ein Herr aus dem Publikum: „Wer ist in Deutschland an dem Ausbruch des Weltkrieges schuld?“

 

Lu Lütiti (denkt, wie auch bei den folgenden Fragen, eine Weile mit geschlossenen Augen angestrengt nach): „Die

Witwe Friederike Karschunke in der Gormannstraße.“ (Die fieberhafte Spannung des Publikums löst sich in Staunen

auf.) „So heißt die Kartenlegerin, bei der Herr von Bethmann und die Betfrau Admiral Müller sich ihre politischen

Informationen holten.“

 

Eine ältere Dame mit Kapotthut und Bindebändern: „Gibt es eine Auferstehung?“

 

Lu Lütiti: „Alles ist, wenn auch in veränderter Form, von ewiger Dauer. Der Militarismus entschlummerte mit dem

alten Heere und feiert in der neuen Sicherheitswehr seine Auferstehung.“

 

Ein Militär mit vielen Orden: „Was wird Exzellenz Ludendorff widerfahren, falls er vor den Staatsgerichtshof kommen

sollte?“

 

Lu Lütiti: „Den Kopf kann es ihn nicht kosten. Den hat er schon vor dem Zusammenbruch im vorigen Jahr verloren!“

 

Ein Backfisch piepst: „Werde ich das Autogramm erhalten, um das ich die angebetete Henny Porten gebeten habe?“

 

Lu Lütiti: „Unmöglich. Denn sie kann nicht schreiben. Das hat sie durch ihr Buch über ihren Werdegang bewiesen.“

 

Der Backfisch (wird ohnmächtig hinausgetragen).

 

Ein älterer Herr: „Wird die Entente mit Wilhelm abrechnen?“

 

Lu Lütiti: „Nein. Denn Deutschland rechnet bereits mit ihm ab. Oder vielmehr er mit Deutschland: Dreihundert

Millionen, sämtliche Schlösser - - -“

 

Ein Alldeutscher: „Wird Majestät um seine Krone kämpfen?“

 

Lu Lütiti: „Nur um seine Kronen. Er wird darum auch in Zukunft den Namen eines Grafen von Geldern führen.“

 

Ein Aengstlicher: „Wie wird sich der kommende Winter in Berlin gestalten?“

 

Lu Lütiti: „Infolge der Kohlennot werden sämtliche Berliner zu Gefrierfleisch. Die ältesten Witze der Theaterrevuen

werden sich bei der Kälte frisch erhalten. Autos und Pferdedroschken werden durch Renntierschlitten ersetzt. Die

Reaktionäre brüten Rache, die bekanntlich kalt genossen wird, vermögen aber nicht, die Bevölkerung zu erwärmen.

Alle sechs Wochen erreicht ein Kohlentransport Berlin. Es ist das für die Berliner jedes Mal ein Feuertag.“

 

Eine Frauenrechtlerin: „Wird sich das Frauenwahlrecht als segensreich erweisen?“

 

Lu Lütiti: „Im Gegenteil. Es sitzen schon sowieso zu viel alte Weiber in den Parlamenten.“

 

Ein junger Mann: „Wenn bei uns weiter regiert wird wie bisher: was wird dann die Zukunft Deutschlands sein?“

 

Lu Lütiti: „Ludendorff plus Noske-Reinhard minus Haase-Ledebour dividiert durch Erzberger-Scheidemann! Der

Quotient wird Deutschlands Zukunft sein!“

 

Der junge Mann: „Was ist das – der Quotient?“

 

Lu Lütiti: „Das, was hinten rauskommt …“

 

Eine praktische Hausfrau: „Wo bekomme ich billig Butter?“

 

Lu Lütiti (plötzlich die Augen weit öffnend): „Das könnte Ihnen so passen, wenn ich Ihnen für Ihre fünf Mark Eintritt

meine Butterquelle verraten würde!“

 

Kruseweck: „Haut ihm!“

 

Es erhebt sich ein großer Tumult, so daß das „größte okkulte Phänomen“ vom Podium flüchten muß. –

  

***

 

 

Fritz Ebert (ULK Nr. 10/1925)

 

Vorfrühlingstag. In gold’gem Sonnenschimmer

 

erglänzt die Welt, die Zeit des Lichts brach an,

 

hier drinnen in dem düstern Sterbezimmer

 

liegt aufgebahrt ein blasser, stiller Mann.

 

Rings ernstes Schweigen. Nur die Kerzen knistern,

 

ihr Licht gedämpft von düsterm Trauerflor.

 

„Der Besten war er einer,“ klingt’s wie Flüstern,

 

„den in Fritz Ebert Deutschland heut verlor!“

 

Mit gradem Sinn, gepaart mit schlichter Würde,

 

und unermüdlich, immer pflichtbereit,

 

hat er getragen seines Amtes Bürde,

 

ein Sohn des Volks, in Deutschlands schwerster Zeit.

 

Mag auch die Pöbelmeute hämisch lauern,

 

die seinen Namen frech bespie:

 

du bester Mann, um den die Besten trauern,

 

das deutsche Volk vergisst dich nun und nie!   

 

 

****

 

 

 Wie´s Minchen Kutzer vom Köslin in Berlin erging (aus: Mein Vater ist ein kleines Mannchen, S. 18 - 25)

(Köslin/Keslin = Ortsteil von Braunsberg)

 

Herr Gottch, nei, ich will nich übertreiben,

 

Doch is zu dammlich manch’ ein junges Ding!

 

So will ich’s beispielsweis’ Sie mal beschreiben,

 

Wie’s Minchen Kutzer in Berlin erjing.

 

Se kennen doch jewiss das Minchen Kutzer.

 

Nei? - Also was der Vater von der Min’,

 

Der städt´sche Gasmann und Laternenputzer,

 

Wont dicht beim Bäcker Laws auf dem Köslin.

 

Objleich se man bloß arme Leite waren,

 

Tat doch de Min´ all immer jern sich groß.

 

Und is se’ mal nach Heiljenbeil jefahren,

 

Denn fuhr se immer dritte Klasse bloß!

 

Bei uns am Ort ze dienen, wie de andern,

 

I wo, das kam ihr gar nich in den Sinn!

 

Se kennt’ amend’ hier auch nich so plachandern,  -

 

Und kurz und rund – se misste nach Berlin!

 

Von wem und wo  ’nen Dienst se herjenommen,

 

Das weiß ich heit’,  wahrhaft’jen Gott, nich mehr.

 

Ich weiß nich mal mehr , was se Lohn bekommen,

 

Bloß, dass es war bei einem Rest’rateer.

 

Ich will mir alle Einzelheiten sparen,

 

Denn jeder, wo jereist ist, kennt das ja.

 

De ganze Nacht is de Marjell jefahren,

 

Und erst am Morjen war se endlich da.

 

Da hat se denn die Augen aufjerissen:

 

Die vielen Menschen, - wie der Meeressand! - -

 

Das beste aber war: se hätt’ verschmissen

 

Den Zettel, wo da de Adress’ drauf stand!

 

So is se, - es is wirklich nich zu sagen! -

 

An jeden einz’jen Mensch heranjerennt,

 

Um jeden einz’jen Mensch danach ze fragen,

 

Ob er das Resterang von Plischke kennt.

 

De Leite lachten nu, dass se sich bogen,

 

Weil de Marjell doch wirklich gar zu dumm,

 

Und bald darauf, da standen unjelogen

 

So Sticker hundert Menschen um se’´rum!

 

Ach Gott´che wer kann wissen, wie’s jekommen

 

Amende noch mit Minchen Kutzer wär’,

 

Hätt’ schließlich ihrer sich nich anjenommen

 

Ein Schutzmann, - was bei uns der Kommissär!

 

Der ist sehr freindlich zu der Min’ jewesen,

 

Denn so was, sagt er, käm’ ja heifig vor, -

 

Und hett’ denn im Adressbuch nachjelesen:

 

„Der p.p. Plischke wohnt am Hall’schen Tor!“

 

Das Minchen, das verzacht schon hett’ am Leben,

 

War nu sehr froh und hat durchaus jewollt

 

Ein Dittchen ihm fir seine Miehe jeben,

 

Wo er Zigarren sich fir kaufen sollt!

 

Nu frag ich Sie! - Nei, solche dumme Liesen!

 

Hätt’ der Herr Schutzmann se nu einjesteckt?

 

Doch hat er bloß das Jeld zurickjewiesen,

 

Er war, wie das auf hochdeitsch heißt: „korrekt“.

 

Jleich aber sollt sich wieder offenbaren

 

Der Minchen Kutzer ihr Dammlichkeit.

 

„Se missen,“ sacht er, „mit de Hochbahn fahren!

 

Dann, Freilein, sparen Sie die halbe Zeit!“

 

Da kricht se Schiss und fängt jleich an zu schwitzen.

 

„Erbarmen, Mannchen!“ jucht, ganz jrien, se auf.

 

„Dort oben, wo de bunten Wagen flitzen?

 

Da kriejen se mich mit zehn Pferd nich rauf!

 

Ich jeh’ ze Fuß,“ so bibbern ihre Lippen,

 

„Und käm´ ich auch erst ibermorjen hin.

 

Wie leicht kennt’ so ein Zuuch nich iberkippen!

 

Auch wissen Se nich, dass ich schwindlich bin!“ –

 

Der Schutzmann saacht – er amesiert sich mechtig: - :

 

„Dann fahren sie doch mit der Straßenbahn!

 

Die ist elektrisch. - Und sieh da, wie prächtig! -

 

Da kommt der richt’ge Wagen eben an!“

 

Kaum aber hat er ihr das vorjeschlagen

 

Und sacht zu ihr: „Nu, Freilein, aber schnell!“

 

Se glauben wohl, da stiej se in den Wagen?

 

I wo, da quiekt die dammliche Marjell!

 

Das Minchen nämlich litt an Jliederreißen,

 

Besonders in de Ärm’ hat se jefiehlt

 

Den Reißmantismus, wie’s de Dokters heißen,

 

Seitdem beim Baden se sich mal verkiehlt.

 

Um dieses Leiden also los zu werden,

 

Hat sie’s zuerst mit Sympathie probiert,

 

Doch als nur jreeßer wurden die Beschwerden,

 

Hat  unser Dokter se elektrisiert. - -

 

„Was sachten Se da Herrchen? Je, Erbarmen!

 

Elektrisierbahn?“ fängt se an zu schrein.

 

„Was da so kribbelt in den Bein’ und Armen?

 

Da steij ich nicht fir hundert Taler ein!“

 

Und denn von wejen noch der Eisenstange,

 

Die auf dem Wagendach’ so mit ihm rennt,

 

Da hett’ se denn nu auch ’ne große Bange,

 

Dass die ihr auf den Schädel fallen kennt’.

 

Na, nach ’nem langen Hin- und Herjerede

 

Steich se dann oh noch jlicklich ein und aus,

 

Und, da im Leben Jlick wohl hat mal jede,

 

Stand se denn schließlich auch am richt´jen Haus.

 

Da las se denn nu au der Spiejelscheibe

 

Von „Bayrisch Bier“ und „Billjard“ allerlei,

 

Und endlich, was ich wertlich niederschreibe,

 

Stand „Kalte Küche!“ auch noch dicht dabei.

 

Kaum aber hat das Minchen das jelesen,

 

Da wird se wieder im Jesicht ganz jrien.

 

„na so was ist wohl noch nich dajewesen:

 

’ne kalte Kich’! Se schreiben’s auch noch hin!

 

Das wär’ ja“ fährt se fort, sich aufzukrausen,

 

„Was denken sich denn die Berliner bloß?

 

Wenn ich in einer kalten Kich’ sollt hausen,

 

Wird’ ich mein Reißen iberhaupt nich los!“

 

Se hett’ bloß Angst, der Plischke kennte kommen

 

Und kennt’ se sehn, das dumme dwatsche Ding!

 

So hat se schnellstens denn Reißaus jenommen,

 

Dass ihr beinah’ de Pust´ dabei verjing. - - -

 

Indes wurd’s Mittach und ’ne große Hitze,

 

Und hing vor Hunger ihr der Magen lang,

 

Doch hett’ jenuch se von Berliner Witze

 

Und traute sich nich in ein Restorang.

 

Wozu denn auch? Denn als se zu dem Plischke

 

De Reise anjetreten nach Berlin,

 

Da hett’ se mitjenommen eine Lischke

 

Mit Äpfeln, Birnen und mit Pflaumen drin.

 

So hat se denn auf einer Bank jesessen

 

Mit roten Backen und jeschwitzter Stirn

 

Und hat de ganze Lischke leer jejessen,

 

De Äpfel, Pflaumen und zuletzt de Birn.

 

Schon nach ’nem Weilchen spiert ’nen Schreck, ’nen heißen,

 

Das Minchen und Jefiehle allerhand,

 

Denn litt das Minchen auch an Jliederreißen,

 

War de Verdauung doch im besten Stand!

 

Schon wurde janz jefährlich die Jeschichte

 

Schon wisst’ das Minchen nicht mehr ein noch aus

 

Und wurd’ vor Angst janz blass se im Jesichte, -

 

Da sah se dann zum Jlick ein kleines Haus!

 

Ein kleines Haus’chen zwischen Fliederhecken,

 

Mit einer Tier zur recht und linken Hand,

 

Worauf janz deitlich oben in den Ecken

 

„Für Männer“ rechts – und links „Für Frauen“ stand.

 

Die Frau, die drinnen war in dem Kabinchen,

 

Die hat nu jleich Billets hervorjeholt

 

Und hat vorher jefracht, ob nun das Minchen

 

Wohl „erster“ oder „zweiter“ Klasse wollt’.

 

Bei dieser Frage und bei die Billjetter,

 

Denkt an de Eisenbahn nu de Marjell,

 

- Und in ihr jeht es, wie ein Donnerwetter -

 

„Natierlich vierter!“ schreit se. „Aber schnell!“

 

De Alte nu, nach diesem Wort wird grob se:

 

„Ick muss doch fragen, wat de Witze soll´n?

 

Ich well alleen und eenzig wissen, ob Se

 

For einen Sechser oder Jroschen woll’n!“

 

Nach dieser Antwort, die ihr unverständlich,

 

Kuckt Minchen nu de Alte an ganz groß.

 

„Ach je, ich glaub’“, so stehnt se schwitzend endlich,

 

„Es ist man fir ein halbes Dittchen bloß!“ - - -

 

Als nach ’nem Weilchen se herausjekommen

 

Is ihr ’n Kornchen besser all zu Mut’,

 

Doch fracht se immer noch sehr angstbeklommen

 

Wieso denn so was etwas kosten tut.

 

Da jrient de Frau so recht zu mit Behagen.

 

„I“, sacht se denn, „um alles in der Welt,

 

Wie kennen Se bloß so ’ne Dummheit fragen?

 

Hier in Berlin kost´t eben alles Jeld!“

 

Das Minchen jeht und denkt bei sich im stillen:

 

„Herr Jeses, nei, was is das fir ein Ort!

 

Auch das bezahlen? - Ach, um Gottes willen!

 

Ich winscht’, ich wär’ jleich hundert Meilen fort!“

 

Bald fiehlt se denn auch wieder neie Qualen,

 

Weil se vorhin sich bloß halbwechs jetraut,

 

Aus Angst, se misst’ sonst nachher Strafe zahlen. -

 

Und davor hat sich de Marjell jegraut.

 

Nu fängt so recht erst an das Rumrumoren,

 

Und wer kann wissen, was jeschehn vielleicht,

 

Wenn Minchen, die ganz blass bis in die Ohren,

 

Nich wieder so ein Hauschen hätt’ erreicht.

 

Ja, diese Hauschen sind ein wahrer Sejen! -

 

Das Minchen Kutzer also stirmt jleich ’rin.

 

„Fir einen Dhaler!“ schreit se, „Meinetwejen!“

 

Und wirft’ne ganze Handvoll Dittchen hin!

 

Und weil se nu fir ihre blanke Dittchen

 

Ein Recht erkauft sich auf Jemächlichkeit,

 

So hatte se in ihrem engen Kittchen

 

Zum Iberlejen auch die richt’je Zeit.

 

Se hett’ sich bossen wissen bloß und kränken,

 

Und kam de Nacht, - wo sollt’ se bleiben nur?

 

So tät se denn de Schritt’ zum Bahnhof lenken

 

Und reist’ am selb’gen Tage noch retour! - - -

 

Ach Gottche, nei, ich will nich ibertreiben,

 

Doch is zu dammlich manch’ ein junges Ding!

 

Drum wollt’ ich’s beispielsweis’ Sie bloß beschreiben,

 

Wie’s Minchen Kutzer in Berlin erjing!

 

 

 

Wenn Sie Rückfragen zu diesem Bericht haben, können Sie sich gerne über das Kontaktformular an die Autorin wenden.

 

 

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